Auf einer Neuseelandreise lernte mein Großvater das Wort ‘whānau’, was so viel wie Großfamilie bedeutet. Seitdem schickt er historische Hochglanzbroschüren, die er mit alten Schulfreunden produziert, und nennt das, seine ‘Whānau-Briefe’.
In diesen Geschichtsessays zitiert er auch historische Quellen. Ein Essay handelt von Hochzeitsbräuchen. Da heißt es: In einem mittelalterlichen Zuchtbrief von 1351 aus E. wird der Alltag reguliert. Es wurde bestimmt, wer den Landwein ausschenken darf, und dass er nicht mit auswärtigem Wein gemischt und erst nach Ende der Pfarrmesse Wein verkauft werden durfte. Das mit minderwertigem Flachstrester gemästete Fleisch musste hinter dem Judenhaus gehauen werden. Unter der Überschrift Alltag und Ekstase, steht, dass sich zahlende Hochzeitsgäste zu mehr als 16 Schüsseln eintragen ließen. Da ist auch die Rede von den Hochzeitsfunktionären, den Pauken und Trompeten der Spielleute, den Umtrünken, und der Pflege der Sturzbesoffenen am nächsten Morgen…
Will er mich und meine Freunde aus dem Geschichts-Workshop beeindrucken? Auf seinem Besuch hier in Tauranga hatte er einige kennengelernt. Sie fanden ihn ziemlich cool. Großvater schlug auch vor, dass ich ihnen diese Geschichtsaufsätze von ihm und seinen Freunden übersetze. Will er vielleicht sogar meine eigenen Beziehungskisten antesten?
In dem Whānau-Brief über Hochzeitsbräuche werden auch sehr viel spätere Versuche erwähnt, die ausschweifende Hochzeitsfeierfreude zu dämpfen, z.B. bei Sozialistischen Eheschliessungen. Es fuhr ein Brautpaar zum 32. Jahrestag der DDR in einem Mercedes 770 Cabrio, das auch Kaiser Hirohito, Papst Pius XI. und Adolf Hitler chauffiert hatte, auf dem Marktplatz von E. vor. Der frene Schlitten stammte aus dem Stadtmuseum von E. Da ist auch das Bild eines Elitesportlers der Mannschaft Turbine, in der Großvater selbst eine Zeitlang spielte, der mit der Braut unter einem Bogen aus Eishockeyschlägern das Standesamt verließ.
Großvater schickt jedes Jahr hundert Euro für meine Hockeyausrüstung. Als er zu Besuch war, sah er sich das Training an, an dem auch meine Freundin Aroha teilnahm, und sagte mit seinem heftig amerikanisch angehauchten Volkshochschul-Englisch: ‘The times they are a-changin’. I like that’.
Eine Polizeiverordnung des Jahres 1815 stellte das Wegfangen der Nachtigallen unter Strafe, der Stadtrat verfügte, dass ein jeder der eine Nachtigall halten will, jährlich eine Abgabe von 10 Thalern zahlen musste, welche nach der Konfession des Zahlenden an den betreffenden Schulfond abzuliefern war. Man erhoffte sich einen regen Wettbewerb zwischen den Religionen. Noch in seiner Kindheit, schreibt Großvater, war die Stadt an Sommerabenden vom Gesang der Nachtigallen in ihren Käfigen erfüllt. Ich habe noch nie eine Nachtigall gehört, aber maile ihm: das klingt sehr poetisch. Großvater war stolz, als ich einen Schulpreis für Poesie, und mit Aroha zusammen einen Preis in der Māori-Sprache Te Reo gewann. Er schreibt, die Freundin seines Vaters, Sulamith, hatte eine Nachtigall, mit einer schönen Singstimme, die nachts nie in den Käfig ging, sondern in der Jasminranke neben der Balkontür schlief. Seit 1941 hatte mein Urgroßvater’ nichts mehr von Sulamith gehört.

Norman P. Franke is a Hamilton-based scholar (MA, Hamburg University; PhD Humboldt University, Berlin), poet and filmmaker. He is a Research Fellow at the University of Newcastle, New South Wales. He has published widely about 18th-century literature, German-speaking exile literature (Albert Einstein, Ernst H. Kantorowicz, Else Lasker-Schüler, Karl Wolfskehl) eco-poetics and at the intersection of religion and poetry. Norman’s poetry has been broadcast on radio and published in anthologies in Austria, Germany, New Zealand, Switzerland, the UK, and the USA. [2017/18 finalist at the Aesthetica (UK) and Feldkircher (Austria) literature contests; 2019 New Zealand Flash Fiction Day competition, takahē Short Story competition (NZ)]; 2021 New Zealand National Flash Fiction Award, Waikato Regional Award; 2021 Landfall Essay Competition (highly commended); 2021 Münchner Lyrikpreis (shortlist); 2023 At the Bay/ I TE Kokoru Katherine Mansfield creative writing competition (shortlist)]